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Selbst ist das Hochhaus / Der Standard 09/2009

Selbst ist das Hochhaus

21. September 2009 16:58
  • Artikelbild: Windturbinen und Brennstoffzellen sollen den Pearl River Tower von Energielieferungen unabhängig machen.  - Foto: SOM/Crystal CG

    Windturbinen und Brennstoffzellen sollen den Pearl River Tower von Energielieferungen unabhängig machen.

Der Pearl River Tower in Guangzhou produziert die Energie, die er benötigt, selbst. Schon bald könnten ökologisch autarke Systeme Vorschrift sein

Der Pearl River Tower in Guangzhou produziert die Energie, die er benötigt, selbst. Schon bald könnten ökologisch autarke Systeme Vorschrift sein. Das Europäische Parlament arbeitet gerade an einer neuen Richtlinie.

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Das Chicagoer Architekturbüro Skidmore, Owings & Merrill (SOM) leistet Pionierarbeit am laufenden Band. Nach dem Burj Dubai, mit 818 Metern der höchste Wolkenkratzer der Welt, ist nun das nächste Superlative-Projekt in Bau. Der sogenannte Pearl River Tower in der südchinesischen Provinzhauptstadt Guangzhou, Hauptsitz der Guangdong Tobacco Company, wird als weltweit erstes Hochhaus in der Lage sein, die gesamte benötigte Energie selbst zu erzeugen. Ende nächsten Jahres soll der stromlinienförmige Bau fertiggestellt werden. Die Baukosten werden nicht bekanntgegeben.

"Der Pearl River Tower ist ein Meilenstein in Sachen umweltfreundlicher Architektur", sagt Russell Gilchrist, Projektleiter bei SOM, "doch vor allem verstehen wir das Projekt als Appell an Auftraggeber und Investoren, denn das rücksichtslose Verschleudern von Energie ist nicht länger tragbar." Damit die Rechnung aufgeht, wurde ein komplexes und einander ergänzendes Energieversorgungspaket geschnürt.

Windturbine in der Fassade

An seinen Außenwänden besitzt das 71 Stockwerke hohe Haus aerodynamisch geformte Öffnungen. Durch die Geometrie des Gebäudes wird der Wind beschleunigt und wie in einem Trichter komprimiert durch die Tunnels hindurchgepresst. Windräder sind an den exponiertesten Stellen angebracht und werden auf diese Weise jährlich bis zu einer Million Kilowattstunden Strom erzeugen.

Als Ergänzung dazu ist die doppelte, teilweise sogar dreifach ausgeführte Glasfassade mit Sonnenkollektoren und Fotovoltaikzellen überzogen. Diese sollen unter anderem die Warmwasseraufbereitung sicherstellen. "Grüner Wolkenkratzer hin oder her, selbst beim effizientesten System kann man sich nicht zu hundert Prozent auf die Launen der Natur verlassen", sagt Gilchrist, "zur Deckung der Energiespitzen gibt es daher im Keller Brennstoffzellen, die aus natürlichem Gas Strom generieren." Der Auftraggeber meint es mit seinem Prestigeprojekt jedenfalls ernst. Nach Auskunft der Architekten soll das Gebäude nicht einmal ans öffentliche Stromnetz angebunden werden.

"Das alles mag aus heutiger und aus hiesiger Sicht noch utopisch klingen", sagt der österreichische Bauphysiker Jochen Käferhaus, "doch vom Stand der Technik ist Energieautarkie auch hierzulande schon längst möglich." Einziges Problem an der Sache: Noch ist der innere Schweinehund nicht besiegt, denn die Umstellung auf energetische Selbstversorgung ist mit gesellschaftlichem Umdenken und finanziellem Aufwand verbunden. Ohne den nötigen Rückenwind aus Bauwirtschaft und Politik wird die Kursänderung mühsam.

Fossile Energie als Reserve

Dennoch ist der Bauphysiker überzeugt: Häuser, die sich selbst versorgen, werden in rund zehn Jahren bereits selbstverständlich sein. Allerdings müsse man sich von der Illusion verabschieden, dass Gebäudeautarkie einzig und allein mit ökologischer Energie erreicht werden könne. Käferhaus: "Wir werden nicht umhinkommen, Primärenergie aus Biomasse und fossilen Brennstoffen beizusteuern." Im Klartext: Jedes einzelne Haus wird an ein Mikro-Heizkraftwerk beziehungsweise an einen Verbrennungsmotor angeschlossen sein. In Großstrukturen wie Krankenhausanstalten und Hotelanlagen ist der Einsatz solcher Motoren schon lange üblich.

"Die selbstständige Energieversorgung ist auf jeden Fall sinnvoll und begrüßenswert", bestätigt Fritz Unterpertinger, Geschäftsführer der Österreichischen Energieagentur, "von den daraus resultierenden Begleiterscheinungen wird ein Land wie Österreich sicherlich profitieren." Nicht zuletzt könnte damit die Zersiedelung eingedämmt werden. Unterpertinger: "Es ist denkbar unwirtschaftlich, in jedem einzelnen, noch so kleinen Einfamilienhaus eine eigene Versorgungseinheit zu implantieren. Viel eher kann ich mir vorstellen, dass mehrere Bewohner die Infrastruktur teilen und sich zu sogenannten Smart Grids zusammenschließen werden."

Eine solche Zukunft könnte schneller eintreten als gedacht. Im April erwog das Europäische Parlament eine Novellierung der Richtlinien zur Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden, die bis Jahresende ausverhandelt werden soll. Demnach müssten sämtliche Neubauten, die nach 2019 fertiggestellt werden, ihre Energie selbst produzieren - ganz so wie der Pearl River Tower in Guangzhou. Sollten die Verhandlungen positiv ausfallen und in einen EU-Beschluss einfließen, sind Bauwirtschaft und Förderwesen vor neue Herausforderungen gestellt. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2009)